Lob dem Kleinstadtmief!

In der Quelle des Spießbürgertums, gefangen zwischen Großstadtstreben und Dorfatmosphäre, liegt die wahre Glückseligkeit. Hier in den angeblichen Niederungen, hier, wo Kulturpolitik verzweifelt vergebens versucht, die segensreichen Errungenschaften großstädtischer Kultur auch den armen Bauern ins Hirn zu prügeln, hier lebt es sich schön entspannt.
Der Postbote streckt gerne zwei Wochen lang die Nachnahme vor. Beim Bäcker zahlt man für das Brot auch mal weniger, wenn einem ein paar Münzen fehlen. Eine alte Frau betreibt ein Fachwerkhaus-Café mit eigenem Käsekuchen. Beim Möbelschleppen kommen einem Wildfremde zu Hilfe. Und in allen Kellern werkeln fleißige Rentner, um den Fahrradbedarf der Studenten zu befriedigen.
Man ist selbstbewusst genug, für seine Geburtstagsfeier keine Corporate Identity erfinden zu müssen. Die unsäglichen Zustände des Busverkehrs zu ertragen. Samstags sein Geschäft um drei zu schließen und sowieso nie länger als sechs geöffnet zu haben. Sonntags noch richtige Spaziergänge zu machen. Und überall, wo man so hingeht, ist es ein bisschen unprofessionell – und damit näher am Menschen, natürlicher, sympathisch. Ja, lieber Berliner, es gibt natürlichere Menschen als die Verkäuferinnen bei Lush.
Also bevölkert die Kleinstädte! Zieht in die Orte, in denen nicht ihr dem Trend, sondern der Trend euch hinterher läuft! Werdet die Avantgarde der Kleinstadt. Entdeckt den Kleinbürger in euch und kultiviert ihn. Landluft macht frei!










Oder doch nur ein Versuch, der Langweiligkeit + dem Mangel an kollektiver Exaltiertheit und bestrebter Außergewöhnlichkeit etwas Gutes abzugewinnen?
Das frage ich mich immer.
Der Wechsel von Groß- in Kleinstadt vice versa ist aber sicher eine tolle Gelegenheit, sich tolle Gedanken zu machen (die Ewig-Berliner sind diesbezüglich arrogant und narrow-minded, klar.).