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Die große Musikberatung

von Brennpunkt F! 19 Dezember 2010 0 Kommentare

Ich mache mir Feinde. Es ist mir ja selbst unbegreiflich, doch mein 80er affines Herz macht jedes Jahr einen Sprung, wenn zum ersten Mal das pathetische bis kitschige, eigentlich fast unerträgliche „Last Christmas“ von „Wham!“ im Supermarkt erklingt. Das darf durchaus schon im September passieren und auch Ende Januar habe ich noch nicht genug. Es gibt nur einen Weihnachtspopsong, den ich noch lieber mag: Die über 20 Jahre später erschienene Coverversion von Erdmöbel: „Weihnachten ist mir doch egal.“ Der Text ist deutsch und anders, die Thematik bleibt aber gleich: Es geht um die Menschenkinder, für die Weihnachten eigentlich so verlockend ist wie Gänsenbraten für VegetarierInnen, Liebe allerdings durchaus erstrebenswert. In diesem Sinn: „Weihnachten ist mir doch egal//Ich bin 3 Karat Kaugummi Automat//Schenk mir ohne Papier mein billiges, billiges Herz.“

Mit diesem Lied muss jedes Weihnachten beginnen: Stellvertretend für mich darf Melanie Thornton tief in die Kitschtruhe greifen und voller Inbrust den „wonderful dream“ von „love“ und „peace“ und „perfect harmony“ verkünden. Der jahrelange Titelsong der Coca Cola Weihnachtstrucks, die alljährlich wie Scharen von missionarischen Kreuzrittern die Fernsehstraßen erobern, lässt mich jede kritische Distanz aufgeben: Ist doch egal, ob sich da ein kapitalistischer Getränkehersteller als heilsbringender Erleuchter der Welt inszeniert. Ich will „joy and fun for everyone“!
Also verbacke ich meine christlichen Moralvorstellung in Butterplätzchen und verziere sie mit demokratischem Zuckergruss. Ich träume von einem traditionellen Weihnachten mit Gans und finde wertvolle Geschenke zu bekommen viel wichtiger als Zeit mit einander zu verbringen. „Wonderful Dream“ ist der Startpunkt auf der Checkliste meiner Weihnachtsautomatismen, aus denen ich irgendwann erwache und feststelle, dass schon wieder Silvester ist.

Was dieses Lied mit einem macht, kann dem Uneingeweihten eigentlich nur eine Szene im ZDF von 2001 beschreiben. Eine Woche vor ihrem tragischen Tod sitzt da die wie immer mit Tonnen von Lidschatten bemalte Melanie Thornton im Studio und spricht begeistert darüber, wie sie aus einem Werbejingle einen Popsong gezaubert hat. Und während der eine Moderator über den im Hintergrund laufenden Song drüber sprechen will, herrscht ihn seine Wunderkerzen schwingende Kollegin an: „Shut up! Es ist Weihnachten.“

Seit ich denken kann, spielte meine Mutter uns während der Bescherung stets den schief singenden Heintje vor. Schon mit 5 Jahren hegte ich äußerste Antipathien gegen diesen Jungen mit dem Schleimerlächeln. Und dann kam „Kevin allein zu Haus“ und mit ihm Brenda Lee mit der Aufforderung um den Weihnachtsbaum zu rocken.

Das verstand ich schon damals und liebe es bis heute.

Wirklich, da gibt es kein Zörgern und kein Nachdenken. Weihnachten ist so eine merkwürdig verletztliche Zeit, in der man sich an vergangene Träume erinnert und sich fragt: Ist es das, was ich will? Und wenn man sagen kann: Ja, dann hat man Glück. Darum geht es in dem Song “Fairytale of New York” der Pogues, mit dem richtigen Level an halbtrunkenem Pathos gesungem vom schlecht bezahnten Shane MacGowan und der tragischen Heldin Kirsty MacColl. Traurig und schön, wie sich das für Weihnachten gehört.
PS. Wer das Video anschaut: 2:24 ist nicht die eklige homophobe Beleidigung, sondern Liverpooler Slang für einen Faulpelz.

Frank Sinatra – Have Yourself a Merry Little Christmas
…weil er die allerschönste Weihnachtsstimmung macht.