Drei sind weder einer zuviel, noch trotzdem genug

Tom Tykwers Film „Drei“ versucht sich in der Magie der Polyamory
Tom Tykwers aktueller, bereits seit Dezember in den Kinos angelaufener Film „Drei“ ist ein Film
über zwei Männer und eine Frau. Und es geht möglichwerweise überhaupt nicht um Männer und
Frauen. Vielleicht geht es nicht einmal um getrennte Toiletten. Vielleicht geht es auch gar nicht um
Polyamorie und das Aufbrechen von heteronormativen Beziehungsstrukturen. Vielleicht bin ich
einfach eine Brille auf die Nasenspitze schiebende Soziologiestudentin mit einem unentspannten
Fokus auf Geschlechterdekonstruktion. Vielleicht ist es ein Film über Zahlenmystik, Schicksal und
Liebe. Eins kann ich aber sagen: „Drei“ ist kein Film über „Fremdgehen“ und dumme Zufälle. Was
hast Du zu also zu lachen, Kinopublikum? Was hast Du zu lachen, über diese Geschichte?
Denn, an dieser Stelle sind sich Soziologiestudentin und befindlichkeitsgesteuerte Romantikerin
einig, es ist ein Film zum Weinen. Und eigentlich vor Glück, ja! Selig lächelt die Romantikerin,
denn:
Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) sind seit 20 Jahren ein Paar. Sie führen ein
Berliner Akademikerleben, wie es im Buche steht. Sie haben beide fancy interdiziplinäre Berufe
zwischen Architektur, Ökologie und Kunst, wohnen in semiversiffter Altbauschickeria, sehen die
„Shakespeare Sonnets“ von Rufus Wainwright im Berliner Ensemble. Sie sind hipsterglücklich auf
ironische Weise, streiten und versöhnen sich, stehen sich bei, beschließen zu heiraten, mit Pommes
im Mund.

Irgendwann lernt Hanna den scheinbar urrationalen Adam (Devid Striesow) kennen und verliebt
sich. Irgendwann lernt Simon Adam kennen und verliebt sich. Hanna wird schwanger mit
Zwillingen und entflieht in einer Zerissenheit zwischen Konvention und Emotion nach London, zu
dritt und allein. Hanna bleibt zerissen und kehrt nach Berlin zurück. Hanna vermisst Adam, Simon
vermisst Adam und im Sex als Symbol für die harmonierende Dreisamkeit findet zueinander, was
zusammen gehört.
Doch unter Freudentränen kritisiert sogar die Romantikerin: Wann haben sich die starken Gefühle
der Protagonisten entwickelt? Was gibt den Anlass, den anfangs noch stark spürbaren Druck der
Konventionen zu vergessen? Wie schafft es Adam so schnell, sein perfekt arrangiertes System der
Einsamkeit gleich zwei Personen zu öffnen?
Die Soziologin hebt die Hände und beschwichtigt: „Du musst dich verabschieden von deinem deterministischen Biologieverständnis!“ Das sind die Worte Adams auf Simons Frage, „wie das denn bei Schwulen so ablaufe“, nachdem er das erste Mal mit ihm geschlafen hat.
Es ist völlig natürlich und bedarf keiner Erklärung, dass sich die drei verlieben, so wie es in jedem anderen Liebesfilm keiner Erklärung, bedarf, warum Person A Person B liebt. Die Konventionen werden so schnell übertreten, weil sich die Frage für Hanna gar nicht stellen kann, mit einem Mann ihre Kinder groß zu ziehen. Wie sollte sie denn, wenn sie dafür eine Liebe töten müsste? Wie könnte Adam sich auch weiterhin als heterosexuell kategorisieren, wenn es ihm doch so leicht und natürlich fiel, mit Simon zu schlafen? Zwar erscheint ihm die ganze Angelegenheit so merkwürdig, dass er Adam zunächst als „den anderen“ wahrnimmt, aber gerade weil der Film ohne jeglichen Coming-Out Klamauk funktioniert, zweifelt der Zuschauer in keiner Sekunde an seinem Begehren. Es fallen abseits des Gespräches zwischen Simon und Adam niemals die Worte hetero-, homo-, oder bisexuell oder ihre zumeist abwertenden Synonyme. Die Strukturen und Kategorien sollen Platz machen für Gefühl und Verlangen.

Ein zumeist eher in der Wissenschaft und queer-feministischen Kreisen diskutiertes Thema, das der
Polyamory und Sexualität fernab sozial konstruierter Geschlechtergrenzen, kommt genau an den
einzigen Ort, an dem es von Theorie entstaubt und verstanden werden kann: In die bewegten Bilder,
die uns prägen, ins Gefühl.
Doch wo mir, der ungespaltenen Kinogängerpersönlichkeit, das Herz in der Brust fast zerspringt, wenn
Simons Mutter in einer verrückten, von der Zahl „Drei“ bestimmten Konstellation aus Uhrzeiten,
Geburtsdaten und Zugverspätungen am Selbstmord gehindert wird, mit dem sie über ihren vom
Krebs bestimmten Tod selbst entscheiden möchte, da lacht das Publikum. Wenn mein Atem stockt,
als sich Simon, Hanna und Adam in Adams Wohnung das erste Mal zu dritt begegnen, da lacht das
Publikum. Was ist das für ein Lachen? Ich höre Schadenfreude. Schadenfreude über ein
missglücktes „Fremdgehen“. Über den „dummen Zufall“, der ein hübsch eingerichtetes Leben
zerstören könnte. Oder aber, so die zur Ambivalenz fähige Kritikerin: Schadenfreude über die
durchschaubare Konstruktion? Hat man recht? Ist dieser Film zu konstruiert, um zu bewegen,
fernab eines Publikums, dessen Sehnsucht so groß ist, dass viel noch zu wenig scheint? Das sich
genau dieses Aufbrechen von Kategorien im Kino wünscht?

„Drei“ möchte vielleicht etwas zuviel. Der Film scheitert leise im Gesamtbild am Konflikt zwischen
gewollt authentischer, weil vom Zuschauer durch Erfahrungen geprägter, Gefühlsdarstellungskunst
und einem aufklärenden, mutigen, motivierten Gedanken. Er möchte erreichen und
Identifikationspotential heischen, durch Darsteller im mittleren Alter, die teils unwirklich schön,
teils abstoßend normal sind. Er möchte eine Umgebung bieten, zwischen Mauerpark und
Badeschiff, in der sich dem Kinogänger im Wiedererkennen die hauptstadtbewohnende Brust
schwellt. Er möchte zu viel sehen lassen im Spiel mit surrealen Charakterisierungswelten, die sich
durch Traumsequenzen ausdrücken. Und doch: Irgendwie ist es schön, dass er das möchte.
In Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ taucht der Gedanke auf, das ganze
Leben sei eine Skizze, und es kann auch nur Skizze bleiben, denn wir haben nur eins. Und doch
wollen wir viel, denn es ärgert uns, dass wir nur eins haben, nur ein so ein popeliges Leben. Wir
wollen mehr und drei sind da weder einer zuviel, noch genug. Und so wollte dieser Film zu viel für
einen Film, so bleibt er vielleicht nur Skizze, und ist doch das, was das Leben so schön macht, ein
Versuch, zum Scheitern verurteil, weil: Sterblichkeit und so.
Ich sehe in ihm, klopfenden Herzens und ratternden Verstandes, die Schönheit dessen, auf was sich
Soziologin und Romantikerin stets einigen können: Die Schönheit der Chance.









Ich habe “Drei” nicht gesehen, weil, na ja, deutsches Kino und so, aber aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass Kinopublikum generell meistens schlecht ist und zynisch und unsensibel, vor allem, wenn es sich selbst für total “sophisticated” hält. Sehr bitter.
Bin hier beim stöbern im Internet plötzlich drauf gestoßen:-) Meine Mitbewohnerin sagt, es ist auch eine Komödie! Dumm, dass wir da nicht drauf gekommen sind. Vielleicht sind wir einfach noch zu jung? Glücklich jung natürlich..
Na Fabian, das derzeitige deutsche Kino gehört imho zum leinwandästhetischen Besten. Gib ihm doch vielleicht eine Chance?
Was mich stört ist die krasse Diskrepanz in Bezug auf mediale Aufmerksameit – Tykwer total gepusht, Heisenberg und Arslan z. B. mit ihren diesjährigen richtig guten Filmen kaum beachtet.
@Sven: Das war keineswegs eine flapsige Bemerkung, die ich einfach mal so in den Raum gestellt habe. Ihr ging viele Stunden grausamer Stunden vor Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden vorher, in denen ich nur äußerst schwer die Werke von Andreas Dresen, Hans Weingartner und Oskar Roehler, um mal nur drei Namen zu nennen, ertragen konnte. Klar gibt es auch Akin und Haneke, aber die stehen für mich außerhalb der Debatte.
Den Arslan find ich ganz gut, “Der Räuber” ist aber auch an mir vorbei gegangen. Werde ich nachholen! Aber Filme aus Österreich sind ja eh besser.
Interessant. Ich denke beim derzeitigen deutschen (oder besser: deutschsprachigen) Kino an die Berliner Schule. Du anscheinend eher an die größeren Mainstream-Produktionen. So gesehen redeten wir also von zwei verschiedenen Dingen :D (Man könnte mir in dem Zusammenhang vielleicht überhebliche Ignoranz abseits der Betrachtung “elitärer Hochkultur” (Röhler) vorwerfen.)
Überhaupt Röhler. Der Kritiker der Berliner Schule schlechthin. Es gibt ein super Interview in der FAZ vom 12.2.2010 (zur Berlinale) mit Röhler, Schanelec + Heisenberg. Da treten die Diskrepanzen in Bezug auf die Vorstellungen davon, wie Kino sein sollte – “Thrill” (Röhler) vs. Gedankenstimulation (Schanelec) – super zu Tage.
Anyway, gehört beides zum deutschsprachigen Kino, klar. Von daher sollten wir beide vielleicht dem jeweiligen konzeptionellen Gegenpol mehr Beachtung schenken (du mehr “Arthouse”, ich mehr “Mainstream”) um zu einer differenzierteren (also der gleichen Meinung: Arthouse = toll, Mainstream = doof) zu kommen?
Ich finde die “Berliner Schule” prinzipiell sympathisch, gestehe aber, dass mir die meisten Filme aus dieser Richtung nichts geben. Kunstfertig, natürlich, auch intelligent und geschickt. Allein: Es fehlt die Dringlichkeit, und die Leidenschaft. Und letztlich ist mir das alles zu deutsch.
Ich finde deine Rezension toll.
Zunächst war ich der Meinung, Du gleitest ein wenig ab, indem Du den letzten Absatz mit “Sterblichkeit und so” beendest. Nach kurzem Überlegen musste ich aber darüber schmunzeln, wie mutig Du selbst deine Rezension an dieser Stelle zur Skizze ausfransen lässt.
Den Film muss ich mir nun auf jeden Fall selbst ansehen, um das Ende zu sehen, um meinen Eindruck an deinem zu überprüfen, und weil ich jetzt Lust dazu habe!
Du hast Recht. Mit beidem. Na klar ist das ein lächerliches Abgleiten und doch steckt eine Dringlichkeit in diesen Gedanken, der Versuch, so gender-Kram, Begeisterung für einen Film und derart… naja, zeitlose (?) Gedanken in eine Filmrezension zu packen. Sogar dieser Kommentar ist nur eine Skizze. Und das soll und muss so sein, weil ich will, aber ja eh nie ganz kann oder so.
In jedem Fall: Wow, vielen Dank. Ich freu mich sehr.
THEMENFELD
2000 audimax ausstellung berlin besetzung bildung buch dekade energie essay essen fernsehen festival Film frau gesellschaft grips Indie journalismus Kabarett kind Kino kleinstadt Konzert kritik kunst leipzig liebe literatur luxemburg marketing musik nazi paris politik revolution Rezension rosa schaubühne show theater theater der welt weihnachten wissen workshop
WP Cumulus Flash tag cloud by Roy Tanck requires Flash Player 9 or better.
MEINUNGEN
Einloggen
Die populärsten Artikel
Linkliste