„Place to be“ mit Finanzierungsengpass
WG-Casting mitten in Berlin – eine völlig normale Alltagsszene, wäre da nicht Wiki, die ihren Gefühlen nur noch über ihr iPad Ausdruck verleihen kann. Und natürlich der ewig betrunkene, verwirrte Philosoph, von dem keiner so genau weiß, ob und wieso er eigentlich in der WG wohnt. Oder Petunia von Bethanien, die Revolutionärin vergangener Zeiten, die mit Burnout in der Phase der Postrevolution angekommen ist. Bei der Wahl neuer Mitbewohner treffen Kommunepläne auf Wirtschaftsinteressen, politisch korrekte Formulierungen auf Egoismen.
Das ist nur eine der zahlreichen Szenen, die der Zuschauer im Satireprojekt „Berlin For Sale – Eine Stadt im Ausverkauf“ im kleinen Saal der Distel mithilfe der neuartigen „Korsakow-Software“ auswählen kann. Diese Wahlfreiheit, so verkündet Hausmeister Karl, dürfe jedoch nicht ausgenutzt werden, sonst schalte das System automatisch auf das Konkurrenzprodukt „Putin 3“ ohne Wahlfreiheit um. Schaffen es dagegen möglichst viele Zuschauer, mit Laserpointern auf die gleiche der auf der Leinwand projizierten Szenen zu zeigen, wird jede Vorstellung mit Szenen wie „Lange Nächte in Berlin“ oder „besetzt“ zu einem individuellen Erlebnis.
Das Satireprojekt der Gruppe junger Berliner Kabarettisten setzt sich unterhaltsam und doch tiefgehend mit dem Phänomen der Gentrifizierung auseinander. Das sieht man vor allem an Lola, der Neu-Berlinerin, die ja erst seit zwei Wochen hier wohnt, aber sich schon total wohl in ihrem „place to be“ fühlt. Eine schräge grüne Brille auf der Nase, den Fotoapparat um den Hals gehängt begeistert sie sich für alles neue, was sie sieht – bis sie sich schließlich am Ende des Stückes über die Touristenscharen aufregt und sich mehr Ausländer und Studenten für ihr Berlin wünscht.
Auch die Kreativwirtschaft bekommt ihr Fett weg, wenn sich die karriere- und koffeinsüchtige Eventmanagerin von ihrem sprechenden iPad erklären lassen muss, dass das angesagte Business mit dem innovativen Flair in Wahrheit eine brotlose Kunst mit hartem Konkurrenzdruck ist.
Jede Figur dieser interaktiven Satire hat ihre eigene Vorstellung, was mit der Stadt passieren soll. Der Finanzpolitiker Lutz versucht hilflos, an allen Ecken und Enden Geld einzutreiben, um die Total-Pleite der Stadt abzuwenden, und weiß dabei nicht einmal mehr, an wen die Berliner U-Bahn-Waggons verkauft wurden.
Ein einfacheres Konzept bietet die Touristin, die mit Kreide auf der Kofferrückseite ihre Vorstellung vom Kern-Berlin für Kurztrips skizziert: Stadtschloss und Alexanderplatz direkt am Hauptbahnhof, daneben die Eastside-Gallery mit echtem Stacheldraht und Schießanlagen. Im Pergamonmuseum die Nofretete neben dem Dinosaurierskelett und dem Original-Trabi, gelenkt von den Wachsfiguren von Barack Obama und Angelina Jolie. In diesem sauberen, touristenfreundlichen Kern-Berlin wäre man sicher vor der Tyrannei der unberechenbaren BVG und schamlosen Ausbeutern, wie den Veranstaltern der langen Nacht des Spätverkaufs.
„Berlin For Sale“ ist nicht verbissen oder moralisierend, aber dennoch politisch in seiner realistischen Abbildung der Berliner Gesellschaft. Zuschauer lachen Tränen, wenn ihnen wieder eine der verrückten Gestalten so unglaublich bekannt vorkommt. Den jungen Drehbuchautoren vom polli-Magazin, die zugleich als Schauspieler und Verkäufer der nach Wohnlagen gestaffelten Eintrittskarten mitwirken, ist es gelungen, die Berliner Luft des 21. Jahrhunderts in einer beeindruckenden Satire einzufangen. Die gelungene Vorstellung am Freitagabend wurde mit minutenlangem stürmischen Applaus belohnt.
„Berlin For Sale – Eine Stadt im Ausverkauf“ wird auch noch am 18. Mai um 19:30 Uhr in der Distel gespielt. Karten unter 030/2044704. Weitere Informationen unter www.distel-berlin.de
Dieser Artikel entstand während des Feuilleton-Workshops der Jungen Presse Berlin.











Dieser Artikel ist sehr schön geworden. Er zeigt die Vielseitigkeit der Inszenierung wirklich gut und beschreibt anschaulich wie die witzigen Ideen des Ensembles umgesetzt wurden. Toll!=)