Pickelhaube, rote Flaggen und Gesang
Das GRIPS Theater inszeniert das Leben Rosa Luxemburgs und unterschätzt dabei grandios seine Zuschauer.
Man geht in das Theater und überlegt ein bisschen, kramt ein wenig in den Schubladen: Rosa Luxemburg also, „Rosa“ um genauer zu sein, bedeutende Figur der sozialistischen Bewegung, Frauenrechtlerin, Nase, kaputtes Bein, oder doch Kommunistin? Am Ende des Krieges umgebracht, wenn mich nicht alles täuscht. Plätze, Straßen, Schulen sind nach ihr benannt, aber warum war die jetzt noch mal so wichtig? Na gut, das Stück wird es mir zeigen oder meine Erwartungen ignorieren und mich das auch spüren lassen. Ein ganzes Leben, Vorhang auf.
Schnell wird klar: Seine unterhaltsamsten aber auch verhältnismäßig überzeugendsten Momente hat das Stück in seinen Charakteren. Ersteres leistet vor allem das SPD-Triumvirat Kautsky, Bebel und Bernstein, die mit ihren Wortgefechten und gewollten Slapstickabstechern brillieren, ohne dabei jedoch den parteipolitischen Konflikt der damaligen Zeit für den Zuschauer aus dem Auge zu verlieren.
Wirkt Frau Luxemburg am Anfang noch wie eine hyperaktive und/oder naive Politikstreberin auf Aufputschmittel, ist ihre zunehmende emotionale Ernsthaftigkeit im Zuge der Emanzipation von ihrem herrischen Dauerwegbegleiter Leo Jogiches und die politische Radikalisierung während ihrer Reisen nach Warschau und durch Russland durchaus nachvollziehbar. Allerdings werden starke emotionale Momente immer wieder durch Musik- und Gesangseinlagen unterbrochen, die kein bisschen Distanz für Reflektion erzeugen, sondern nur das sein wollen, was sie sind: Kitsch und Spaß.
Außerdem ist die Entwicklung der Figuren komplett nur verständlich, wenn man den geschichtlichen Hintergrund kennt. Das Stück reißt hier und da mal eine Revolution an oder zeigt auch mal drei arg zerlumpte Bauern aus Polen, aber der große Kontext, die ungeheure Dynamik und die Ungerechtigkeit, die zu den großen Gedanken geführt haben, bleibt wenig greifbar. Man beschränkt sich darauf, etwas Pulver zu schnuppern und die Lunte zischen zu lassen.
Dabei möchte das Stück Authentizität erzeugen: Man fühlt die biografische Richtschnur, sieht das Kleben an den konkreten Ereignissen, bei Rosas Scheinhochzeit mit einem Preußen bekommt man sogar das Original-Foto zum Beweis vorgelegt. Hier aber wird die Verstärkung der Stimmen per Mikrofon zum Stellvertreter für die vielen historischen Kostüme, Requisiten, grau gefärbte Haare und Akzente, zum Sinnbild für den Effekt und nicht die Wirkung. Dabei wird eigentliche Glaubwürdigkeit durch persönlichen Bezug und Aktualität erzeugt, was dem Stück selten bis gar nicht gelingt.
Das Spiel selbst ist zwar grundsolide, rutscht aber oft ins Plakative ab, wenn Rosa heftig an Gefängnisstäben rüttelt oder Leo anschreit: „Ich zerdrücke das Böse in dir“, woraufhin sie ihm die Zigarette entreißt und, na ja, zerdrückt. Das Stück macht keine Denkangebote an den Zuschauer; es bleibt komplett dem eigenen wild sprießendem Erfindungsreichtum überlassen die Inhalte auf den aktuellen Zeitgeist zu beziehen. Wie zum Beispiel auf wachsende Ressentiments gegen Raucher.
Auch politisch bleibt es eher bei einem lauen Lüftchen. Wer in diesen angeblich von der sogenanten Krise tief entwurzelten Zeiten verstaubte sozialistische Ratschläge befürchtet, braucht sich keine Sorgen machen und wer ernsthafte und moderne, linke Denkanstöße zur Weiterentwicklung der maroden Zustände sucht, wird enttäuscht, weil es beim Schwenken von (sehr großen und vielzähligen) roten Flaggen und Parolen von Massenstreik und Revolution bleibt, ohne dass es einen erkennbaren Sinn dahinter gäbe.
Andererseits hat das Stück auch ein paar intensive Augenblicke. Wenn Kautsky pointiert den Widerstandswillen der Bevölkerung gegen den „Superkapitalismus“ bezweifelt oder wenn die die Scherben Rosas politischen Lebens von einem echten Proletarier dienstbeflissen aufgekehrt werden, vermag da Stück tatsächlich etwas in einem anklingen zu lassen, ganz abgesehen von den unzähligen tatsächlich komischen Liedern und Sprüchen.
Und doch: Wenn man am Ende das Theater verlässt, weiß man nicht so richtig, was dieses Stück vielleicht möchte und was dieser Frau ihre Bedeutung verleiht. Und man grübelt wieder und hat schon den Eindruck, dass man bei dem Versuch es dem Publikum etwas leichter und zugänglicher zu machen ein paar Mal zu oft bei „unterhaltsam“ abgebogen ist. Denn an reiner Unterhaltung mangelt es wirklich nicht, in den potentiell öden dreieinhalb Stunden habe ich mich kein einziges Mal gelangweilt. Aber trotzdem: Es schlichter und harmloser zu machen nützt dem Zuschauer nie etwas und damit wird das Stück weder dem Medium Theater noch der Frau gerecht.










