Zu wenig Taten, zu viel Gerede

Bildungsstreik im Sommer: Das waren noch Zeiten.
35.271 Studierende sind derzeitig an der Humboldt Universität zu Berlin immatrikuliert. 15.000 Studierende, Schülerinnen und Schüler beteiligten sich laut Streikkomitee an der Demo vergangenen Dienstag. Circa fünfzehn Studentinnen und Studenten erklärten sich auch noch nach elf Tagen dazu bereit das Audimax der Humboldt Universität Tag und Nacht besetzt zu halten. Diese Menschen sind der aktive Teil einer Bundesweiten Streikbewegung, welche erstmals im Sommer dieses Jahres an deutschen Bildungseinrichtungen aktiv umgesetzt wurde.
Damals protestierten Studierende, Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Lehrende für eine deutliche Verbesserung des deutschen Bildungssystems. Aufgrund der schwammigen Äußerungen von Bildungsministerin Schavan zum Thema und dem scheinbaren Stillstand bezüglich einer Verwirklichung der im Sommer gestellten Forderungen, wurde Anfang November erneut zum Bildungsstreik aufgerufen.
Im Anschluss an eine Vollversammlung im Audimax der Humboldt Universität zu Berlin wurde genannter von ca. 200 Personen am 11.11.2009 besetzt.
Nun, nach knapp zwei Wochen der Besetzung: Gähnende Leere im Audimax, ein paar hart gesottene debattieren im Flur vor dem Saal über die Geschlechterproblematik unserer Gesellschaft. Die Wände sind mit Transparenten behangen, welche die Forderungen der Studenten nach Bildung für alle und Reformation des Bachelor- Master Systems verkünden. Zusätzlich zeugen noch einige Transparente mit Botschaften wie: „Nieder mit dem Kapitalismus!“; „Mehr Bullen und Kameras für alle!“ und „Don’t hate the Player, hate the Game!“ vom Revolutionsgeist der hier verkehrenden Menschen.
Ab und zu verirren sich neugierige Gesichter in die Räumlichkeiten, schauen sich scheu um und verlassen das Gebäude wieder. Die Atmosphäre scheint nicht auf Jeden Einladend zu wirken. Die Frage im Plenum „Wer schläft heute hier?“, stößt immer mehr auf Schweigen und schüchternes Fußscharren als auf Motivation und Engagement. Besonders seit letztem Freitag stellen sich folgende Fragen immer deutlicher:
Warum stößt der Bildungsstreik in Berlin bei den Studierenden auf so großes Desinteresse? Wie ist es möglich, dass sich scheinbar die allerwenigsten ernsthafte Gedanken über die Zukunft unseres Bildungssystems machen?
Am Abend des 20.11.2009 befanden sich ca. 350 Menschen im Audimax der HU um einer Sängerin der Berliner Band „Kleingeldprinzessinnen“ zu lauschen. Gegen elf Uhr Abends soll die komplette Band dann in der FU auftreten.
Nach dem Auftritt geht ein lautes Raunen durch den Saal, hier und da ein „Lass uns schnell abhauen!“ erklingt, als einer der Mitorganisatoren der Besetzung des Audimax darauf verweist, dass es neben dem Kulturprogramm auch wichtig ist sich mit den Studentischen Forderungen auseinanderzusetzen. Manche stimmen mit Beifall zu, andere rollen mit den Augen. Da hüpft ein Student in gelben T-Shirt mit der Aufschrift „Fuck Off Berlin“ auf die Bühne und ruft: „Hey Leute, lasst uns einfach Spaß haben! Hier geht’s um Spaß!“ Gesagt getan:
Zehn Minuten später befinden sich im Audimax nur noch 30 Menschen. Der Rest ist in die FU zum Auftritt der Kleingeldprinzessinnen gepilgert, bzw. stürzt sich anderswo ins Nachtleben Berlins. Zurück bleiben ein Haufen leere Bierflaschen und ein paar Zigarettenkippen. Draußen, an der Einfahrt des Hauptgebäudes heiteres Gelächter: Gerade wird einer jungen Frau durch Ihre Freundinnen vom Boden aufgeholfen. Scheinbar ist sie nicht mehr in der Lage das Gleichgewicht zu halten, zu viel Becks Lemon oder so… Nun betritt eine Gruppe von 14-16 jährigen Partygängern das Gebäude. Fünf Minuten später kommen sie spöttisch lachend wieder heraus: „Oh Mann, is ja Party des Jahrhundats hier Mann! Hahaha!“
Zum Glück gibt es ja neben dem Angebot „Party im Audimax“ noch tausend andere Möglichkeiten seine Zeit zu verbringen. Warum engagieren, wenn doch ein Überangebot an verschiedenen Belustigungsprogrammen jeden Tag auf einen wartet? Ganz nach dem Motto „Enjoy the Crisis!“
„Ich bin nicht hier um aktiv zu werden, ich bin hier wegen der Party.“ Ein Satz, der im Audimax immer öfter zu hören ist.
Die Forderung nach mehr Aktionen im außeruniversitären Bereich scheinen auf taube Ohren zu stoßen. „Warum werden nicht mehr Flashmobs arrangiert? Warum wird hier so viel rumpalavert anstelle endlich mal wirklich aktiv zu werden? Die Menschen da draußen müssen doch mal erfahren, worum es uns hier eigentlich geht!“, so eine Stimme aus dem Vorraum des Audimax. Aus Angst von den Diskutierenden ausgebuht oder per Abstimmung Mundtot gemacht zu werden möchte er seine Gedanken jedoch nicht vor dem Plenum äußern.
Dies trifft den Kern des Problems: Anstelle eine effektive Mobilisierungsstrategie zu verfolgen, wird über jede Kleinigkeit diskutiert und abgestimmt, anstelle Aktiv zu werden wird darüber gefachsimpelt ob das Audimax weiter zu besetzen, die Pressemitteilungen „Gegendert“ und ob sich um einen dauerhaften Protestraum im Universitätsgebäude gekümmert werden soll. All das kann auf Neuankömmlinge nur abschreckend wirken.
Wer junge Menschen heutzutage zu etwas bewegen will, der muss mehr bieten als endlose Redebeiträge von Menschen die sich gerne selber zuhören, unsinnige, nie enden wollende Abstimmungsrituale und schlecht organisierte Aktionen wie die (Ent)Führung am Adlon Hotel letzten Freitag.
Die Forderung nach der Verbesserung des Bildungssystems muss im Vordergrund stehen und durch spontane wie gut geplante Aktionen an die Öffentlichkeit getragen werden: Flashmobs, Demos, Workshops, Vorlesungen an öffentlichen Orten, überkleben von Straßenschildern wie in Schöneberg und Kreuzberg vor einer Woche geschehen: „WienerUNI BESETZT; InnsbruckerUNI BESETZT“, S-Bahn Gelöbnisse „Wir geloben 100% für die Uni zu geben, nie nach Links oder Rechts zu schauen (…)“. Es muss mehr in die Vorlesungen gegangen werden, die Studierenden müssen mehr mit dem Bildungsstreik konfrontiert werden! „Ohne meinen Freund hätte ich nie etwas davon erfahren, dass der Audimax besetzt ist.“, so eine junge Frau im Innenhof der Humboldt Universität.
Besetzt das Audimax, diskutiert über Gott und die Welt aber vergesst bitte nicht, worum es beim Bildungsstreik überhaupt geht: Die Öffentlichkeit über die Missstände an öffentlichen Bildungseinrichtungen zu informieren, die Politiker durch Aktionen unter Druck zu setzen, immer mehr Menschen zu mobilisieren um dadurch letztlich eine Durchsetzung unserer Forderungen zu erreichen!
Geht auf die Straße, macht auf euch aufmerksam!!!









Schöne Idee das mit den Straßenschildern. Präsenz im öffentlichen Raum ist immer gut. Aber wie könnte echter Druck auf die Politik entstehen? Seit dem Sommer schlawinern die sich ja damit durch, das sie das Problem erkennen und Lösungen versprechen ohne etwas zu tun. Damit tun sie etwas ganz Kluges: Sie bieten keine Angriffsfläche und die Forderungen laufen ins Leere. Sind Besetzungen also doch nur ein Hilfeschrei und die tatsächliche Arbeit wird/muss in den StuPas passieren?
Fraglich ist aber doch, ob aus der Partykultur im Hörsaal nicht Demotourismus auf der Straße wird…
Die Argumentation, dass zuviel Diskutieren abschreckt, finde ich zwar nachvollziehbar, aber ich glaube nicht, dass zuviel Reden das Problem des gegenwärtigen Bildungsstreiks ist.
Im Gegenteil, in Stuttgart sehe ich schlecht informierte Streikanführer (“Was der Hochschulrat ist? Keine Ahnung, aber er gehört abgeschafft!”) und zu allgemeine Forderungen. Nicht jeder Student kann sich mit allen Forderungen identifizieren, wird aber durch Blockabstimmungen und ähnliches vor die Entscheidung “Alles oder Nichts” gestellt. Nur wenn die Forderungen klarer, zielorientierter und differenzierter werden (was, da gebe ich dir Recht, nichts mit gendern zu tun hat) wird der Bildungsstreik mehr Studenten mobilisieren.
“Manche stimmen mit Beifall zu, andere rollen mit den Augen” – exzellent! ;)
Heute bewölkt.
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