“Die Vergangenheit ist eine Wunde in meinem Herzen”
Tango Türk in der Neuköllner Oper
„Die Vergangenheit ist eine Wunde in meinem Herzen“, das ist der Titel eines wunderbaren Liedes aus dem Stück „Tango Türk“. Dieses Meisterwerk ist nicht nur der erste türkische Tango, der im Jahre 1928 von Necip Celal Andel in Istanbul komponiert wurde, er spiegelt auch den Inhalt der Geschichte gut wieder. In dem Stück geht es nämlich um den Prozess des Verarbeitens, des Vergessens und Verdrängens. Die Vergangenheit gehört zu einem, wie die Narben am Körper. „Tango Türk“ ist der Versuch die Geschichte der Türkei aufzuarbeiten, einen losen Vergleich zur deutschen Geschichte herzustellen und auf die Wunden einzugehen, die sich in dem Bewusstsein der Menschen eingebrannt haben.

Quelle: Neuköllner Oper
Cihan, der Hauptdarsteller, lebt in Deutschland und arbeitet derzeit an einem wichtigen Projekt, welches für ihn den Sprung auf der Karriereleiter bedeuten könnte. Der Anruf seiner Schwester über den Tod der Mutter ruft jedoch eine deutliche Wendung bei ihm hervor. Er hatte es geschafft, sich ein Leben fern ab von seiner Heimat aufzubauen, fühlte sich als Deutscher anerkannt und geachtet. Nun wird er wieder konfrontiert mit seiner Herkunft, mit den Umständen in der Türkei, der Geschichte und vor allem mit seiner eigenen Vergangenheit. Er reist nach Istanbul, zuerst völlig kalt, abwesend und nur an materiellen Dingen interessiert. Und doch kommt es anders: Er öffnet sich immer mehr, lässt Emotionen wieder an sich heran, zeigt Trauer und Verständnis.
Von seinem „Vater“ bekommt er einen Koffer in die Hand gedrückt mit persönlichen Gegenständen seiner Mutter. Unter anderem findet er einen Brief. Dieser Brief spielt zu einer Zeit, in der sich Chaos und Unruhe in der Türkei breit machten- die Zeit des Militärputsches um 1980. Aber gleichzeitig vermittelt er mehr: eine Liebesgeschichte, verbunden mit der Leidenschaft des Tangos und der Emanzipation der Frau. Die Liebe der beiden ist kurz, da Zeki (Kerem Can) flüchten muss. Seine Geliebte, Nur (Sesede Terziyan), überwindet den Schmerz über sein plötzliches Verschwinden nur sehr schwer. Das ist aber nicht alles, denn sie ist schwanger! Unter der Bedingung, dass er ihr Kind liebt und pflegt wie sein Eigenes, heiratet sie Sedat. Sie führt ein einfaches Leben als Hausfrau, kümmert sich liebevoll um ihre Kinder und den Mann, kann jedoch die Erinnerung an eine längst vergangene Liebe nie vergessen. „Die Vergangenheit ist eine Wunde in meinem Herzen“ singt Nur und am Ende ist genau diese Wunde auch ihr Tod.
Der Brief seiner Mutter lässt Cihan aufwachen. Er realisiert, dass es wesentlichere Dinge im Leben gibt, als Geld und Macht.
Das Theaterstück ist eine Geschichte zwischen Berlin und Istanbul von Sinem Altan (Musik) und Kerem Can (Text). Es spricht unheimlich viele Themen an. Zum einen geht es um den türkischen Tango, welcher eine Tradition seit Atatürks Staatsgründung ist, aber auch um Liebe, um die zwischenmenschlichen Konflikte, es geht um die Vergangenheit und letztendlich auch um Geld. Andererseits geht es auch um die Integration der Türken in Deutschland. Warum sollte ein Türke, der in Deutschland schon mehrere Jahrzehnte lebt, sich weniger Deutsch fühlen, als der, der hier geboren ist? Während seine Familie diese Ansicht nie verstehen kann, vertritt Cihan sie voll und ganz – und berührt damit viele Schicksale, nicht nur der Türken, sondern auch anderer Nationalitäten, in Deutschland. Genau diese Vielseitigkeit hat mich an dem Stück so fasziniert. Jeder Zuschauer wird sich an der einen oder der anderen Stelle mit den Protagonisten identifizieren können. Und die Schauspieler, das sei gesagt, haben durch ihr schauspielerisches Handwerk überzeugt. Die Tanzeinlagen, sowie der Gesang unterstreichen die Mitteilung des Stückes. Die Lieder wurden fast alle auf Türkisch gesungen. Gesprochen wurde jedoch auf Deutsch. Entstanden ist dieses Stück für ein breites Publikum aller Nationalitäten und ist bereits das vierte Projekt eines deutsch- türkischen Musiktheaters. Gezeigt wird es an der Neuköllner Oper. Hätte man einen besseren Ort finden können um auf die Probleme vieler Immigranten hinzuweisen, die versuchen ihren Platz in der Gesellschaft zu finden?








