Also pass auf
Ich sitze im ICE. Der ganze Zug scheint mit Bundeswehrsoldaten gefüllt zu sein, die nach dem Wochenende nun zurück in die Kasernen müssen.
Es ist ein stürmischer Abend. Ein Unwetter, das schon auf viele Oberleitungen die Bäume fallen ließ und damit einige Strecken lahm gelegt hat, rüttelt am Waggon. Jetzt fährt der letzte Zug von Leipzig nach Kassel. Umstieg in Fulda.
“Wenn Sie Pech haben, stranden Sie. Dann fahren Sie einfach nicht weiter. Oder Sie stranden wieder hier zurück”, meint die Dame an der Information.
Wir fahren trotzdem. Die Soldaten sind guter Laune. Beinahe jeder zweite hat einen Laptop vor sich, einer ist sogar so gut ausgestattet, dass ein Fernseher vor ihm auf dem Tisch steht, an den er seine Playstation 3 angeschlossen hat. Wenn man auf die Bildschirme schaut, sieht man Kampfspiele, Flugsimulatoren und Egoshooter. Am Nachbartisch tauschen sie sich über Panzer aus. Keiner habe ein größeres Profil als 100mm. Zumindest nicht im Heft “Die Panzersammlung” (inklusive mitgeliefertem Spielzeugpanzer).
“Kannst du mal kurz S.T.A.L.K.E.R. reinmachen?”, fragt der eine.
“Nein, ich spiele jetzt Football“, entgegnet sein Kamerad.
“Wie funktionieren eigentlich die Regeln?”
“Ganz genau habe ich das auch noch nicht begriffen, aber das Spiel fetzt.”
“Musst du jetzt schießen? Und kannst du die Spieler auch schlagen?”
“Nee.”
“Ziemlich schwul… Ich habe mal eine Doku über Rugbyspiele gesehen, da brechen die sich in jedem Spiel alle Knochen.”
“Wäre mir zu hart.”
Dann Klatschgeschichten aus dem Kasernenleben: Ob die anderen am Tisch von Kalle* gehört hätten? Es gab einen Feldmarsch und Kalle ist schon nach wenigen Schritten nicht mehr mitgelaufen und hat sich tragen lassen. Gleich nach der Ankunft haben sie ihn “ordentlich in der Dusche zusammengeschlagen. Den Simulant.”
Aber der andere weiß eine viel krassere Geschichte, die er auch mit dem dazugehörigen Handyvideo beweisen kann. Dem Alex haben sie nämlich – weil er “so gesoffen hat, dass er sich nachts eingepisst hat” – das ganze Gesicht mit Panzerklebeband zugeklebt. “Auch die Augenhölen.” Dann haben sie ihn gefesselt und unter die kalte Dusche geworfen. Alles gefilmt. Soweit brutal, soweit zum Lachen.
Dann nochmal zu den Panzern: “Die sind eh alle kaputt.”
Bundeswehralltag in all seinen Facetten.
Ich kenne solche Riten. Schon in der Schule haben mir meine Freunde, die in der Jugendfeuerwehr waren, ähnliches erzählt. Es ging immer ums gegenseitige Fesseln, Einsauen oder Duschen. Um die Erniedrigung, das Verdeutlichen von Hierarchien und Kräfteverhältnissen. Und natürlich, dass der Einzelne gegen die Gruppe keine Chance hat. Alle gegen einen, einer alleine.
Ob das eine Notwendigkeit in Gruppen junger Männer ist? Sie sind uniformiert, müssen ständig funktionieren, haben Verantwortung für das eigene und das Leben anderer und teilen sich noch ein Zimmer. Ihr Tagesablauf wird ihnen diktiert, das Essen rationiert. Da braucht es wohl einen Ausgleich, Momente, wo man mal so richtig die Sau rauslassen kann. Der durch Uniformen aufgezwungenen Gleichheit entfliehen und die Demütigung der Befehlsgeber kompensieren. Gewalt als Alleinstellungsmerkmal.
Und wie gut man die Regeln für sich zu nutzen weiß: Jederzeit kann man sich auf die Solidarität mit der Gemeinschaft berufen. Man hat doch nur das “Kameradenschwein” zurechtgewiesen, das der ganzen Gruppe geschadet hat.
Die Lehre für jeden, der nicht mehr laufen kann, der sich schwul verhält, der für die Bestrafung der ganzen Truppe sorgt, der nicht richtig sauber macht, der schwächelt, der zu langsam ist, der anders, zu laut oder zu schweigsam ist: Pass dich an, mach deinen Dienst gut und und funktionier. Wir warten nur auf eine Chance, deinen Störfaktor zu eliminieren. Also pass auf.
Dösend stehe ich in Fulda am Bahnhof. Wieder die Infotheke. Ob ich heute noch weiterfahren kann?
Das freundliche aber bestimmte “NICHT EINSCHLAFEN, KAMERAD” vom Soldaten neben mir bringt mich zurück. Es ist ein gutes Gefühl, in einer fremden Stadt einen Kameraden zu haben, der auf mich achtet.
*Namen wurden geändert.
Foto: Tom Neuborn / jugendfotos.de









T5! T5! T5! Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.
Da kriegt man doch ein wenig Bauchschmerzen, wenn man sich vorstellt, dass die in Afghanistan eingesetzt werden könnten…
Schrecklich, einfach nur Schrecklich.
Heute bewölkt.
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