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“Let it rock!”

von Maximilian Hennig 22 April 2010 Ein Kommentar

Provokation als Vermarktungsstrategie ist heutzutage allgegenwärtig, sei es nun Lady Gaga in ihren skurrilen Outfits, Rammstein mit ihren sadistischen frauenfeindlichen Texten oder Hollywoodpüppchen a la Paris Hilton, die sich im Vollrausch einen Fehltritt nach dem anderen leisten. Zielen diese temporären Formen der Vermarktung nur auf eine Steigerung des Absatzes der eigenen Ware ab, ging es dem Begründer dieser Werbestrategie, dem am 8. April im Alter von 64 Jahren an der seltenen Krebsart Mesotheliom verstorbenen Malcolm McLaren immer nur um die Provokation selbst und das Ausreizen von Grenzen.

MalcomMcLarenspeakingBekannt wurde McLaren als Manager der legendären Sex Pistols, sein Schaffen ging jedoch weit über seine organisatorischen Tätigkeiten hinaus, betätigte er sich auch als kreativer Tausendsassa in unzähligen künstlerischen Bereichen. Wie kaum ein anderer prägte er so nachhaltig die Entwicklung der Popkultur, die ohne sein Wirken nicht in der heutigen Komplexität existieren würde.

Sein künstlerisches Schaffen begann nach einem achtjährigen Kunststudium, 1972 in London mit der Eröffnung der Modeboutique „Let it Rock“. Dort verkaufte er zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der bis heute aktiven Modedesignerin Vivienne Westwood, avantgardistisch anmutende Kleidung, die von der „Situationistischen Internationalen“ geprägt war, deren Konzept, das ineinander gehen von Kunst und Politik im Alltag, in T-Shirts mit aufgedruckten Slogans, wie „Sei realistisch, verlange das Unmögliche“ Ausdruck fand.

Die Idee der Politisierung des Alltags durch Kunst und Mode übertrug McLaren auch als Manager der New Yorker Band „New York Dolls“, die als Vorreiter der aufkommenden Punkbewegung galten. McLaren gestaltete zu dem anarchistischen Klang der Dolls deren Bühnenbild und Garderobe. Eingekleidet in rotem Leder und Hammer und Sichel im Hintergrund sorgten die Konzerte der Band für Diskussionen in Amerika, das sich im Kalten Krieg befand. Der kommerzielle Erfolg blieb jedoch aus und so begab sich McLaren zurück nach London. Im Gepäck die Grundrisse einer Musikrichtung, die in wenigen Jahren den Frust der Jugend als Medium dienen und das spießbürgerliche England in Angst und Schrecken versetzen sollte, den Punk.

In London benannte er, die Zeichen der Zeit erkennend, seinen Laden in „Sex“ um und bot S/M- und Fetischbekleidung an. Erweiterte das Sortiment jedoch um Teddy Boy- und Punkmode. Mitte der 70er wurde der Laden zum Szenetreff Londons. So ging dort auch die Band „The Strand“ ein und aus. Deren Sänger John Lydon kam durch McLarens Assistenten Bernie Rhodes mit dem Ladenbesitzer in Kontakt. Kurz darauf entschloss sich McLaren das Managment der jungen Band zu übernehmen. Als erstes wurde der alte Bandname verworfen und durch „Sex Pistols“ ersetzt, aus Johnny Lydon wurde Johnny Rotten. Die Band trug die von McLaren und Westwood entworfene Mode, die bis heute zur Standardausstattung jedes Punkers gehört: Zerrissene Jacken und T-Shirts und wild gefärbte Haare. Auch wurde die Band von ihrem Manager angehalten, ihr negatives Image auszubauen. Der anscheinende musikalische Protest gegen das Establishment war somit weitaus weniger eine Revolution der perspektivlosen Jugend und eine endgültige Abgrenzung von der Elterngeneration, als ein künstlerischer Versuch eines akademisch gebildeten Modedesigners die Grenzen durch kalkulierte Provokation zu überschreiten, um sein politisches Kunst- und Ästhetikverständnis zur Diskussion zu stellen.

Die unkonventionellen Vermarktungsmethoden von McLaren eröffneten dem Punk den Weg in die breite Öffentlichkeit, waren aber auch das gleichzeitige Ende dieser Bewegung. Zwar wurden Lieder der „Pistols“ wie „God save the Queen“ und „Anarchy in the U. K.“, zu Evergreens einer Subkultur, die ausschlaggebend für die Entwicklung der Popkultur gewesen ist, letztlich scheiterte die Band aber an ihrem eigenem propagierten Verhalten und Skandalen und kann exemplarisch für die gesamte Punkbewegung gesehen werden.

1979 nach dem Tod von Bassist Sid Vicious und der Auflösung der Sex Pistols widmete sich McLaren dem Managment der Band „Adam and the Ants“, verlies diese aber relativ schnell, um als Manager der New-Wave-Band „Bow Wow Wow“ in Erscheinung zu treten. Die Band geriet ins Blickfeld der Öffentlichkeit durch die sexistische Inszenierung der minderjährigen Sängerin Annabella Lwin, die halbbekleidet auf der Bühne stand. Ein Skandal damals, heute die Mindestanforderung für vermeintliche Popstars, die sich auf den Bildschirmen bei MTV und VIVA tummeln, wenn die Sender zufällig Musikclips ausstrahlen. Weiter Öl ins Feuer goss McLaren mit seiner Kampfansage an die Plattenfirmen, man solle auf Kassetten die Lieder der Band mitschneiden. Ein erstes Statement für illegale Musikkonsumierung und Verbreitung.

Seinem eigenen Anspruch als Musiker wurde McLaren als Interpret und Produzent des Albums „Duck Rock“ gerecht. Als erster Europäer griff er die sich langsam entwickelnde HipHop-Kultur auf und integrierte musikalische Stilmittel wie das „Scratching“ in seine Songs.
Nach der Veröffentlichung des Albums wurde es ruhiger um den Paten des Punks. Er hielt das Angebot als Manager einer noch unbekannten Band, den „Red Hot Chili Peppers“, zu arbeiten, doch scheiterte die Zusammenarbeit an zu unterschiedlichen Vorstellungen. Musikalisch versuchte er weithin die Kombination von klassischer Musik und Pop voranzutreiben und produzierte Sinead O’Connor und Tom Jones, Bootsy Collins, James Brown oder Catherine Deneuve.

Eine Festlegung auf einen bestimmten Stil kam für McLaren nicht in Frage. Die progressive Entwicklung der Popmusik in all ihren differenzierten Formen von Punk bis zu elektronischer Tanzmusik stand für ihn immer im Vordergrund seines musikalischen Schaffens.
Die Rückbesinnung als Punk und Provokateur wurde er mit der Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters in London gerecht. Zuletzt lebte er in einem alternativen Wohnprojekt in Paris.

Die Betrachtung des Lebens von Malcolm McLaren erinnert ein wenig an Forest Gump. Überall gewesen, die entscheiden Steine ins Rollen gebracht und doch nicht der Held der Stunde. Vielleicht aber war es eben dieses im Hintergrund bleiben und Strippen ziehen, das es ihn ermöglicht hat, sich einem so breiten Wirkungsfeld hinzugeben, das beinahe alle Bereiche der Popkultur absteckte und sie nachhaltig prägte.

Das Foto unterliegt einer Creative Commons Lizenz und wurde von Steve Wheeler gemacht.

Ein Kommentar »

  • Fabian W. meint:

    Sehr schöner Nachruf!
    Aber trotzdem, ganz so toll ist das ja alles auch nicht, mit McLaren. Der Vorwurf des “alles nur geklaut” hängt in der Luft – Was hatten denn die Sex Pistols, was Richard Hell oder die Ramones nicht hatten? – es gibt gar nicht so wenige, die meinen, McLaren hätte das alles verkaufbar gemacht. Und die ungute Assoziation mit Nazi-Symbolik von Punk geht ja auch auf McLaren zurück, der Sid Vicios damals für Interviews in das sagenhaft dämliche Hakenkreuz-Hemd gesteckt hat. Nur mal so am Rand. Trotzdem traurig, dass der Mistkerl tot ist.