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Ein Fernsehnachmittag abends im Theater

von Maximilian Hennig 17 Mai 2010 Ein Kommentar

Charaktere, die auf belanglose Art und Weise ihre Sorgen und Probleme verarbeiten und im endlosen Strudel der Langweiligkeit gefangen sind:
Willkommen bei Friederike Hellers Inszenierung von Bertolt Brechts Parabelstück “Der gute Mensch von Sezuan” in der Schaubühne am Kurfürstendamm.

Die gutgläubige Prostituierte Shen Te erhält von 3 Göttern, die sich auf der Suche nach einem einzigen guten Menschen befinden, ein recht großes Vermögen. Sie versucht, sich eine Existenz als Tabakhändlerin aufzubauen, wird aber immer wieder von Bittstellern ausgenutzt und dazu gezwungen das Alter Ego, ihren “Vetter” Shui Ta, zu erfinden, um der Ausbeutung auf Grund ihres guten Herzens entgegen zu wirken. Es folgt eine Sozialisation des Shui Ta im kapitalistischen System, das ihn dazu zwingt sich zu einem skrupellosen Ausbeuter zu entwickeln.

Dieser lineare Entwicklungsprozess der Vorlage fällt bei Hellers jedoch unter den Tisch und wird höchstens als Nebenhandlung aufgegriffen. Der Zuschauer bekommt ein dahinplätscherndes Theaterspiel geboten, das allzu trivial und oberflächlich ist. Die Thematik des Stücks – Kann der Mensch gut sein, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen ihn erdrücken? – geht beinahe vollkommen im Gelächter des Publikums unter. Viel zu sehr stehen die albernen und sich mit primitiven Humor darstellenden Nebenrollen im Vordergrund, die Shen Te, gespielt von Jule Böwe, beinahe erdrücken.

Quelle: Schaubühne

Quelle: Schaubühne am Kurfürstendamm

Allen voran Nils Bormann, der die Witwe Shin und den Polizisten spielt. Schauspielerisch überzeugend, sich seiner Funktion als Nebenrolle jedoch nicht bewusst ist und zu viel Wert legend auf seine übertriebene humorvolle Interpretation seiner Rollen. Ist Bormann zu überambitioniert, wird sich Böwe der Bedeutung ihrer Hauptrollen nicht klar. Die Naivität der Shen Te schmerzt beinahe, sodass die Entwicklung zum über Leichen gehenden Shui Ta nicht glaubwürdig erscheint. Generell wirken die Schauspieler allzu locker und unbeschwert. Der Improvisation wird viel zu viel Freiraum gegeben, wodurch das Lächerliche noch bestimmter und dominanter wird und den Eindruck erweckt man sein in einer der „Reality-Sendungen“, die nachmittags von privaten Fernsehsendern auf die Bildschirme gezaubert werden. Die existentiellen Probleme der Figuren werden durch deren Oberflächigkeit determiniert und dem Gespött der Öffentlichkeit preisgegeben, die wiederum nicht kritisch reflektiert, sondern sich am Scheitern ergötzt.

Einige Lichtblicke gibt es in dieser Aufführung dann doch. Sebastian Schwarz überzeugt als Yang Sun, einen stellungslosen Flieger, der Shen Te für das nötige Geld für eine neue Anstellung ausnutzt. Als einziger in diesem “Trauerspiel” ist es Schwarz, der die Seriosität zurück auf die Bühne bringt und die Bedeutungstiefe des Stückes dem Zuschauer versucht zu verdeutlichen. Es ist verwunderlich, warum Friederike Heller nicht alle Rollen in Brechts Sinne angelegt hat, wird doch in den Szenen, die prägend für das voranschreiten der Skrupellosigkeit des Vetters sind, das Talent von Heller deutlich. Sämtliche Albernheit verliert sich in solchen Momenten und der Fokus rückt auf die Umstände und Beweggründe für das Handeln von Shen Te bzw. Shui Ta. So wünschte man sich den schauspielerischen Ausdruck der Protagonisten während des gesamten Stücks, wenn Shen Te Yang Sun von seinem Selbstmord abhält oder das Elend der Kinder des Schreiners Lin To sieht und beschließt sämtliche Moral zu verraten, damit ihr ungeborenes nicht denselben Lebensstandart ausgeliefert ist.

Ist die Darstellung der Charaktere in dieser Inszenierung enttäuschend, so fällt die musikalische Darbietung weitaus besser aus. Komponiert von Paul Dessau und interpretiert und arrangiert von der Hamburger Band Kante, werden die Lieder des Stückes, mit elektronischen Experimenten, aber auch eingängigen Popmelodien untermalt.

Nach drei Stunden verlässt man mit Enttäuschung die Schaubühne, die einzige Dramatik, die nachhallt sind die Töne und Klänge von Kante. Gerade zu Zeiten der Finanz- bzw. Kapitalismuskrise ist die Bedeutung dieses Parabelstücks nicht zu unterschätzen, ist die Frage nach der Moral in der Wirtschaft doch allgegenwärtig. Der Schaubühne ist die Gelegenheit entgangen sich als politisches Theater zu profilieren. Anscheinend legt man mehr Wert darauf Klassiker als leichte Kost zu reduzieren und dem Niveauanspruch von Formaten der leichten Berieselung à la Vormittagsprogramm anzupassen, als das Publikum aufzufordern kritisch die Welt zu beobachten. Somit bleibt die traurige Erkenntnis, dass es keine richtige Inszenierung bei der falschen Herangehensweise geben kann.

Ein Kommentar »

  • Michael Kranixfeld meint:

    Brecht scheidet wieder einmal die Geister. Manche sagen ja, nicht einmal er selbst habe gewusst, wie man seine Schauspieltheorie umsetzen kann. Ich denke, es ist nicht wichtig im Sinne Brechts zu inszenieren – über das literarische Theater, wo der Autor an erster Stelle stand, sind wir ja hinaus – sondern es bedarf vielmehr einer individuell schlüssigen Form der Darstellung. Dann kann auch ein Brecht-Stück zur Komödie werden ohne dass man die Politik vermisst. Vielleicht hat man diese Form an der Schaubühne nicht gefunden.