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Worte finden

von Michael Kranixfeld 14 Juli 2010 0 Kommentare

Unser Autor ist zum Festival „Theater der Welt“ nach Essen gereist. An vier Abenden hintereinander wird er sich Aufführungen ansehen. In vier Teilen wird er das Gesehene nutzen, um mit uns ein wenig über Theater und das Schreiben darüber nachzudenken.

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Im Rechteck aus Licht rotieren die Stadionlautsprecher. Der Ton springt hinter und vor mich, zieht Kreise, ist dynamisch und statisch. Dazwischen ein Mann im Kapuzenshirt, eingesponnen in einen Kokon aus Geschichten, die vor ihm geschehen sind. Ein Gefangener, der von einer Station seiner Reise durch Vietnam und Kambodscha zur nächsten geworfen wird. Ein Gott, der mit seinem Fußdruck die unzähligen Loopstationen kontrolliert. Ein Künstler, der mich zwingt, sein unschlüssiges Ich mitzuleiden. Rechts hinten eine Projektionsfläche, gerade groß genug, dass er sie mit seinem Körper nicht ganz verdecken kann. Darauf Teile von sprechenden Gesichtern, eindrucksvolle Bilder der Reise und immer wieder Transformationen: Eine dunkle Wasserfläche wird ganz allmählich zum Gesicht seiner Mutter, eine pulsierende Großstadt löst sich in Punkten auf und wird zum tummelnden Goldfischaquarium. Diesen Bildern zugewandt tanzt Rachid Ouramdane, seine eigene Orientierungslosigkeit und Fremdheit ausstellend. Er ist nicht stark, sonder sprachlos, plappert wirre Wortmomente, bevor er mich mit den wahnsinnigen Geschichten von Zerissenheit und Krieg bombardiert, von denen seine Interviewpartner berichten. Das zehrt an meinen Kräften, aber gerade in der Anstrengung liegt die Qualität. Weil seine Erzählung keine wütende und keine traurige ist, ja, weil Ouramdanes Erzählung mir gar nichts sagt über sein eigenes Empfinden, rotiert mein Geist so stark, nachdem das Licht erlischt. Ouramdane lässt mich sprachlos zurück.

Erst am nächsten Tag kann ich das, was ich gesehen habe, irgendwie beginnen, in Schrift zu transformieren. Ich muss meine Wahrnehmung nachvollziehbar machen. Einen sechzig minütigen Abend auf eine halbe Seite destillieren. Eine eigene Form für jedes Stück finden.
Die Worte, die ich nun suche, müssen eine Aufforderung sein, nach Interpretationen im Plural zu suchen; die verwerfende oder verehrende Geste passt nicht zur Theaterkritik, wie ich sie verstehe. Nur in der suchenden Bewegung, ist Kunst verständlich. Deshalb leiste ich mir den Luxus, ausschließlich Aufführungen zu beschreiben, zu denen ich etwas sagen möchte bzw. kann.

Ich mache mir nie Notizen. Ich will den Abend erleben, will sensibel sein können für jede kleinste Spannungsverschiebung. Da stören mich Block und Stift nur zusätzlich, wenn schon die Haltung der Beine fortwährend geändert werden muss.

51_faifai„Mach schneller!“, heißt der Gruppenname Faifai auf Deutsch und das setzen die jungen Frauen und Männer aus Tokio nun um. Die Geschichte ist so abstrus wie wahnsinnig wie großartig wie dumm: Zwei Sexroboter und ihr Zuhälter buhlen um die Aufmerksamkeit eines jungen, verklemmten Mannes, als plötzlich ein Mädchen aus der Zukunft auftaucht, das Sex altmodisch findet, aber sich unsterblich in den jungen Mann verliebt. Ein Orkan aus knallbunten Kostümen und Stilbrüchen brettert über die Bühne, der vor übelstem Kitsch keine Angst hat und Ausdruckstanz mal einsetzt, mal persifliert. Man zieht sich ein T-Shirt über den Kopf und wird Obama, man öffnet seine Hose und heraus springt ein Plastikpenis, man entledigt sich der Kleider, um zwischen zwei Hundestatuen in die Zukunft zu reisen und verwandelt Kaugummiblasen in energetische Kampfinstrumente aus „Dragonball Z“. Faifai präsentiert sich als umwerfend charmante, selbstironische und vor allem unerschrockene Konventionensprengmaschine.
Die Rollentexte spricht eine europäisch aussehende Frau ins Mikro, deren Stimme je nach Charakter nach oben bzw. unten verzerrt wird. Diese kommentierende Funktion reibt sich mit der Aktionsfülle der Darsteller und ergibt eine ganz eindrücklich verstörende Erzählweise.
Am Ende (der junge Mann liebt das Mädchen aus der Zukunft und hat Sex mit dem Roboter und der Zuhälter gründet eine Universität) lädt man uns ein, selbst gemachtes Curry zu kosten und einen Flohmarkt zu besuchen, auf dem man Bananenpenisse und Plastiksushi erstehen kann. Ich frage mich, ob ich irgendwem vermitteln kann, was da gerade mit mir passiert ist.

Teil 1: Worte finden
Teil 2: Das Politische im Theater
Teil 3: Kritische Subjektivität
Teil 4: Lange Weile

Foto oben: (c) Patrick Imbert
Foto unten: (c) Kazuya Kato

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