Das Politische im Theater
Unser Autor ist zum Festival „Theater der Welt“ nach Essen gereist. An vier Abenden hintereinander wird er sich Aufführungen ansehen. In vier Teilen wird er das Gesehene nutzen, um mit uns ein wenig über Theater und das Schreiben darüber nachzudenken.

Ein LKW mit zwei Anhängern auf einem Parkplatz in Essen Gruga. Darin: Ein Fahrer, ein Arzt, drei Nutten und ihre Zuhälterin Anna. Ein schweigsamer Star Trek Fan, ein sadistischer Pornoregisseur und der Mann, der das alles eingefädelt hat.
Was am Anfang aussieht wie ein Stück über Osteuropäerinnen, die illegal über Grenzen geschmuggelt werden sollen, entpuppt sich als brutale Racheaktion eines Sohnes. Um seinen Vater, der einst seine eigene Tochter vergewaltigte und mit ihr ein Kind zeugte und nun im EU-Parlament sitzt, zu zerstören, will er ein Video auf Youtube hochladen, das alles enthüllen soll. Doch der Plan geht schief.
Das Töten beginnt, als eine schwangere Prostituierte im dritten Monat mit einem Regenschirmgerippe abtreibt. Die nächste wird vom Regisseur erniedrigt und verbrüht. Mit der dritten soll endlich das Video produziert werden. Der Star Trek Junge hält drauf. Außer sich brüllt der Sohn in die Kamera: „Erkennst du das wieder?“ Die Frau wird mit Blut übergossen, geschlagen und in Erde verscharrt. Dabei bricht ihr das Genick. Um die Schwangere, die nun für den Rest des Videos benutzt werden soll, zu retten, beginnt der Arzt zu töten. Nacheinander bringt er bis auf den Fahrer und die Prostituierten alle um. Dann verschwinden sie zurück nach Ungarn.
Diese Brutalität kontrastiert Regisseur Kornél Mundruczó mit einem poetischen Vor- und Nachspiel und vielen Live-Videos, die Distanz zur Gewalt schaffen. Zudem verwebt er den Fluss der Erzählung fortwährend mit Popsongs, die das ganze Ensemble in Musicalmanier mitsingt. So bekommt der Abend trotz des geschilderten Plots eine seltsame Melancholie, eine ruhige Ästhetik des Zerstörens.
„All the relevant contents have a social aspect“, wird Mundruczó im Programmheft zitiert. „In this sense our challenge is not to comment on society with the attitude of a journalist, but to map it, question it, have an impact on it.“ Mundruczó benutzt gesellschaftliche Themen und Erzählungen wie die von Flucht und illegalen Einwanderern und sucht eigene ästhetische Motive und Umsetzungen dazu. Sein Kommentar ist seine Inszenierungssprache.
Je subtiler das politische Theater mit seinen gesellschaftsrelevanten Motiven spielt, desto wirkungsvoller wird es. Eine inhaltliche Informationsüberwältigung wirkt bei mir nie so stark nach wie das Reizen meines Assoziationsspielraumes, das Anzapfen meines gesellschaftlichen Gedächtnisses. Das politische Theater bei Kornél Mundruczó gewinnt seine Wirkmächtigkeit aus dem künstlerischen Verdichten des Realen, aus dem Kontrast von Spielfiktion und Lebenswirklichkeit.
Es gibt Menschen, die behaupten, Theater sei immer politisch. Und das nicht nur in der Auswahl seiner Stoffe, sondern auch in seinen gesellschaftsstiftenden Funktionen, beispielsweise in der Polis Griechenlands oder den religiösen Stationentheatern des Mittelalters. Nun, es ist bezeichnend für den Stand der darstellenden Künste in Deutschland, wenn die Kulturhauptstadt Europas die Aktivitäten in diesem Bereich unter das Motto „Theater wagen“ stellt. Das Theater hat seinen Sitz in der Mitte der Gesellschaft verloren.
Die Stadttheater kämpfen gegen diese Entwicklungen, indem sie Rimini Protokoll zu Dauergästen machen oder mit theaterpädagogischen Spielclubs in Kontakt zum Publikum treten. Das treibt manchen traditionellen Feuilletonisten so weit, zu behaupten, der Wert des Theaters könne auch dadurch steigen, dass man durch hohe Zugangshürden die Beschäftigung mit dieser Kunstform wieder attraktiv macht.
Das alles zeigt vor allem eines: Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem sich das Theater mal wieder grundsätzlich überdenken muss. Braucht es neue, mutigere Formen? Ist der Dinosaurier Stadttheater nicht längst überholt? Will man exklusiv oder populär sein? Warum will man überhaupt Publikum? Welche Geschichten sind erzählenswert und welche nur noch im Programm, weil irgendeine Schulbehörde sie zum Kanon zählt?
Sich solchen Fragen auszusetzen, sich neu zu denken im Kontext der Gesellschaft, in der man seine Kunst betreibt – auch das ist schon hoch politisch.
Teil 1: Worte finden
Teil 2: Das Politische im Theater
Teil 3: Kritische Subjektivität
Teil 4: Lange Weile
Fotos: (c) Klaus Lefebvre








