Kritische Subjektivität
Unser Autor ist zum Festival „Theater der Welt“ nach Essen gereist. An vier Abenden hintereinander wird er sich Aufführungen ansehen. In vier Teilen wird er das Gesehene nutzen, um mit uns ein wenig über Theater und das Schreiben darüber nachzudenken.
Wer über Theater schreibt, sollte zuerst einmal sich selbst vorstellen. Guten Tag, ich habe Schuhgröße 45, trage schon die ganze Woche einen schwarzen Jutebeutel mit mir herum, in dem sich immer mehr Papier sammelt, und studiere irgendwas mit Theater und Medien. Ich habe den „Mann ohne Eigenschaften“ nicht gelesen, bevor ich in die Aufführung gegangen bin. Ich bin also sehr kompetent. Vertrauen Sie meinem Urteil.
Das Schönste an Guy Cassiers Art zu inszenieren, sind die großen Gemälde, die er aus Bühnenbild, Figuren und Licht baut. Vor einer den Bühnenhintergrund füllenden Leinwand entwirft er wundervolle, sich langsam aufbauende Tableaus. In ihnen bewegt sich eine Wiener Gesellschaft, auserkoren, das 70. Thronjubiläum der k.uk.-Monarchie auszurichten. Eine neue, großartige Idee muss her. Dabei geht Cassiers sehr sorgfältig mit seinen Figuren um. Trotz des subtilen Humors, der unter allen Szenen liegt, der absurden Kostüme und amüsanten Körperlichkeit verkauft er niemanden für einen billigen Witz. Getragen von seinem klugen Ensemble kreiert er ein glaubwürdiges Bild einer Gesellschaft, die – so drückt man es in der Pressemappe treffend aus – museal geworden ist. Dass dieser Runde festgefahrener Charaktere keine Idee für die Feierlichkeiten entspringen wird – ja, dass ihnen nicht einmal auffällt, dass es gerade die Idee einer Feierlichkeit zu diesem Anlass selbst ist, die im vor den Toren protestierenden Volk für Unmut sorgt – ist für mich ganz nachvollziehbar. Ich rechne Cassiers Regie hoch an, dass sie mich jeden Entwicklungsschritt mit vollziehen lässt und jede Figur psychologisch genau auslotet.
Cassiers gilt auch wegen seines Umgangs mit visuellen Technologien als einer der innovativsten Regisseure Europas. Wie die Projektion von Gemälden und Räumen mit aus dem Schnürboden herab sinkenden Kulissenteilen zu einer Einheit verschmilzt, ist faszinierend: Die Säulen werfen statt Schatten Gemäldefragmente. Bilderrahmen werden aus dem projizierten Raum ins Dreidimensionale hervorgehoben. Bewegliche Latten verwandeln das darauf projizierte Bild eines Menschenandranges in Flimmern. Doch diese Perfektion ist auch eine Schwäche Cassiers’ Regie. In den Momenten, wo die Maschinerie so glatt läuft, droht meine Aufmerksamkeit zu kippen. Dann beginnt der Text nur noch an mir vorbei zu rauschen, statt interessant zu bleiben. Und wenn die Szenerien trotz ihres Kammerspielsettings zu monumental werden, dann drohen die Darsteller darunter zuweilen unterzugehen. Was nun zugegebenermaßen den Zustand der gezeigten Verhältnisse durchaus treffend beschreibt.

Eine Besprechung ist immer auch eine Betrachtung mit Einschränkungen. Dass mein Nacken vom Blickwechsel zwischen Übertiteln und Bühne steif wird, dass meine Füße vom Tag schmerzen, dass die anderen im Publikum nur so verhalten lachen – das alles beeinflusst auch meine Wahrnehmung. Vielleicht bin ich nur deshalb im Begriff, Elegien auf Cassiers Videoeinsatz zu singen, weil ich schon so viele unbefriedigende Beispiele gesehen habe. Genau deshalb muss ich darauf hinweisen, dass meine Haltung ganz subjektiv ist. Das mag selbstverständlich sein.
Doch solange im klassischen Feuilleton noch die Meinung herrscht, der Kritiker sei eine dritte Partei im Wechselspiel von Bühne und Publikum, die gottgleich für andere zu urteilen berufen ist, solange muss ich mein Urteil als Meinungsbildungsangebot herausstellen.
Und solange ich in in einem Uni-Seminar als Ergebnis einer Langzeitauswertung angesehener deutscher Zeitungen präsentiert bekomme, dass die durchweg schlechten Theaterkritiken von Lesern mit der Frage kommentiert werden warum man dieses System überhaupt noch unterstützen soll, wenn da doch nur Mist bei raus kommt – solange bleibe ich Lobbyist des Theaters.
Ich meine damit nicht den Kuschelkurs so mancher Provinzzeitung mit ihrem Stadttheater. Ich sage durchaus meine Meinung, aber eben aus einer Verständnis versuchenden und um solche Rezeptionshaltung werbenden Position. Mir ist die Kunst zu kostbar, als dass ich sie einfach so abschreiben könnte.
Als einer, der in Reihe 9 auf Platz 8 saß, möchte ich nun meine Elegie anstimmen: Denn das, was ich nach der Pause zu sehen bekam, war mit Abstand der beste Einsatz von Live-Video-Projektion auf einer Bühne, den ich je – ich bin übrigens erst 21 – auf einer Bühne gesehen habe. In mit einander verwobenen inneren Monologen enthüllt die Dramaturgie nun mehr vom Seelenleben der Figuren. Sechs Kameras senden ihr rotes Aufnahmelicht von der Bühne in den Zuschauerraum und dann beginnen die Darsteller erst einzeln, dann immer mehr parallel arbeitend in die Objektive zu sprechen. Ihre auf der Leinwand einander überschneidend angeordneten Gesichter tauchen auf, verschwinden wieder, hören einander zu, verschmelzen fast miteinander und sind dann wieder ganz separat. Wie die einzelnen Figuren mit der Kamera umgehen, sie umgarnen oder kaum beachten, verrät viel über die soziale Rolle jedes einzelnen ohne plakativ zu werden. Das Spiel mit den durch die Apparate vereinzelten Positionen auf der Bühne und der vermischenden Projektion auf der Leinwand, ist umwerfend und aufregend und phantastisch und elektrisierend und jedes andere Wort, das ich noch nie in einer Kritik gelesen habe.
Ich hätte noch mehr zu sagen, aber ich will es dabei bewenden lassen. Ich denke selbst noch darüber nach, was eine gute Besprechung ausmachen könnte. Mein Name ist Michael Kranixfeld und in meiner Geldbörse sind noch 4,86 Euro.
Teil 1: Worte finden
Teil 2: Das Politische im Theater
Teil 3: Kritische Subjektivität
Teil 4: Lange Weile
Fotos: (c) Klaus Lefebvre








