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Zwischentöne unerwünscht

von Franziska Weinmann 21 Juli 2010 0 Kommentare

Sie sind Brüder, doch das wissen sie nicht. Schon ihre Urahnen waren Brüder. Die wussten das. Bist du nicht mein Bruder, bist du mein Feind. So einfach ist das.
Wahrscheinlich hatten ihre Urahnen, die noch wussten dass sie Brüder sind, einen gemeinsamen anderen Gegner. Denn ohne einen Feind hast du keine Identität. Für was lebst du, wenn nicht dafür deinen Feind zu bekämpfen?

Meine Geschichte spielt in Jerusalem, genauer gesagt in Ostjerusalem. Sie müssen sich das so vorstellen. Ich bin in diese Stadt gekommen ohne zu wissen warum. Eigentlich wollte ich ein Jahr in Südamerika verbringen. Jetzt lebe ich neben einer acht Meter hohen Betonmauer, der israelischen Sicherheitssperranlage, die Israel vom Westjordanland trennt. Hinter der Mauer sieht man die Spitze einer Palme herausschauen. Mohammeds Mutter sagt, dass die Palme früher in ihrem Garten stand. Früher, das ist inzwischen sechs Jahre her.
Von meinem Schreibtisch aus blicke ich auf das Haus von Siedlern, es ist von Stacheldraht und Videokameras umzingelt. Damit die Bewohner problemlos ihre Einkäufe nach Hause bringen können wurde eine Zufahrtsstrasse, die von der Hauptstrasse abgeht und durch einen militärischen Kontrollposten überwacht wird, errichtet. Ich muss jeden Morgen den schmalen Weg zwischen Mauer und Häusern entlanglaufen um zur Hauptstraße zu kommen. Dabei fühle ich mich beobachtet. Ob sie mich wirklich beobachten weiß ich nicht, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein weil ich weiß, dass ich fremd bin. Ich atme auf, wenn ich in der Stadt ankomme. Ich ziehe meine Jacke aus, krempel die Hosenbeine hoch und öffne meinen Haarknoten. Hier stört das niemanden.

Mit der Entwicklung des Konflikts werden die Gegner sich immer ähnlicher, irgendwann sind sie identisch. Sie gleichen sich einander an, ohne es zu merken. Sie denken und handeln in gleicher Weise. Sie fühlen und reagieren genauso wie der andere es getan hätte. Doch dabei sieht jeder nur die Taten des anderen.

Heute Abend fahre ich mit den anderen nach Ramallah, wir wollen auf ein Konzert gehen. Was passiert dort? Ich verstehe ihre Sprache nicht, ich verstehe ihre Aggressionen nicht, warum muss er den Soldaten anspucken, während wir durch den Checkpoint rasen? Auf dem Weg zurück müssen wir durch die Kontrolle. Auf der anderen Seite ist alles leer. Es ist mitten in der Nacht, keine Busse, keine Taxen. Wir sind alleine und der Weg in die Stadt ist zu weit, als das man ihn laufen könnte. Jetzt bin ich dran. Ich laufe auf den Soldaten zu um ihn zu fragen wie wir in die Stadt kommen. Ich werde vorgeschickt. „Hier, mach du das mal, du kannst doch deren Sprache.“ Ohne klaren Verstand renne ich zurück zum Kontrollposten, auf den Soldaten zu. Der schreit mich schon von weitem an ich solle stehen bleiben. Ich bleibe aber nicht stehen. Er richtet sein Gewehr auf mich. Jetzt bleibe ich stehen. „How can we go back to Jerusalem? Where is a bus? “ Der Soldat ruft ich solle zurückgehen. Erst langsam dann immer schneller, renne ich zu den anderen. Keiner sagt etwas. Jeder für sich, laufen wir Richtung Jerusalem.

Wie weit kann Hass dich bringen?
Wie schwer kann Misstrauen sitzen?
Wie stark kann Angst sein?

Auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Der Hass ist zu groß, das Misstrauen zu tief und die Angst unüberwindbar. Alles ist im Fluss, es wird kein Ende geben.

Es ist schon spät und ich bin noch mit Freunden in der Stadt verabredet. Busse fahren jetzt keine mehr, ich bin froh, dass ein Auto anhält und der Fahrer mir anbietet mich mitzunehmen. Er ist ungefähr so alt wie mein Vater, über dem Rückspiegel hängen Fotos von seinen Kindern, ein Mädchen und zwei Jungen. Die Antwort auf die Frage nach meiner Herkunft erntet Begeisterung. Es folgt eine Lobesrede auf Deutschland. Angefangen bei der Automobilindustrie bis hin zum Satz „and they killed the jewish people- Hitler was a great man!“ Es überrascht mich nicht, ist es nicht das erste Mal, dass ich diesen Satz höre. Ich sage nichts dazu. Wahrscheinlich ist es besser ihm in dieser Situation nicht zu widersprechen. Doch dann fragt er weiter, mit wem ich mich jetzt treffen würde und ob ich verheiratet wäre. Nein. Aber einen festen Freund hätte ich. Ja. Ob der auch Deutscher wäre. Nein. Ist er von hier? Ja. He is Israeli. Der Mann tritt auf die Bremse und bleibt stehen. “The Jewish are bad people they want to destroy us. Get out of my car now, challas, go out!”

Feindschaft als Tradition. Wieso Tradition? Weil schon unsere Urgroßväter befeindet waren. Denn der Vater seines Urgroßvaters hat dem Vater meines Urgroßvaters drei Schafe geklaut. Und heute? Heute stehen sich Mitglieder von Familienclans mit Waffen gegenueber, weil der eine dem anderen das Auto zerkratzt hat.

Vor den Türen stehen aufgebrachte arabische Jugendliche, sie sind bewaffnet. Das Konzert würde von Siedlern veranstaltet werden, sagen sie. „Sie wollen sich hier breit machen, wir lassen das nicht zu!“ Die Stimmung ist angespannt. Unter den Konzertbesuchern sind viele Israelis, einige haben Angst, andere sind aufgebracht. Ich weiss, sie werden nie wieder zu unseren Konzerten kommen. Dabei gibt dieser Raum, palästinensische und israelische Musiker spielen in Ostjerusalem in einer Kirche, Schutz, um Vertrauen schaffen zu koennen und Begegnung stattfinden zu lassen. Das dachte ich. Doch ich habe mich getäuscht. Ich fühle mich hilflos. War ich so naiv? Ein älterer Herr kommt auf mich zu. Er beschuldigt mich, sagt mir, dass es unverantwortlich sei, die Menschen in diese Situation zu bringen. Für eine solche Veranstaltung müsse es mehr Security Personal geben, die den Schutz vor diesen Terroristen gewährleisten würden. Seine Tochter hätte ihn noch davor gewarnt nach Ostjerusalem zu fahren. Mittlerweile hat die Polizei die Ansammlung geräumt. Langsam begreife ich. Hier gibt es keine Differenzierung, Zwischentöne sind nicht möglich. Entweder du bist mein Bruder oder mein Feind.

Fotos: Michael Kranixfeld

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