Vom Schreibtisch aus die Welt verändern?

M. Kranixfeld
In der Bahn versuchte ich mich meiner Schullektüre hinzugeben. Meine Augen folgen den Lettern, die ich zwar las, aber nicht begriff. In mir herrschte nur gedankenerfüllt aufbrausendes Chaos. Schuld war dieser Workshop: Dank eines Zufalls hatte ich die Jungen Presse Berlin mit dem “Kulturjournalismus- Workshop” entdeckt und mich ohne jede Vorstellung angemeldet.
Bald war der Tag des Workshops und ich zu früh am Workshop- Ort. Wie eine nervös lauernde Katze erkundete ich die triste Gegend und sah kurz darauf das GRIPS Theater. Ich warf einen schüchternen Blick durch das Fenster.
Wenige Minuten später begann der Workshop mit unserer heterogenen Gruppe, in der sich niemand kannte. Die anfängliche Übervorsichtigkeit wich schnell einer angenehmen Atmosphäre dank einiger Kennenlernspiele.
Wir lernten, wie man Interviews führt und Rezensionen oder Reportagen schreibt. Ohne Vorbereitung wurden wir ins ,,kalte Wasser’’ geworfen, da wir den Beginn einer Reportage und einen Artikel über ein fiktives Interview schreiben sollten. Durch das freiwillige Vorlesen der Texte offenbarten viele ihr wohlwollend honoriertes Talent.
Mit der Theaterpädagogin Stefanie Kaluza des GRIPS Theaters erspielten wir Rosa Luxemburgs Lebenslaufs mit kurzen Theatersequenzen, durch die dank dynamischer Diskussionen jeder ,,seine’’ Rosa erschuf.
Bis zum Stückes plauderten wir, die ,,Journalisten’’, die Stift und Papier eifrig für die in uns allen ein facettenreiches Paradoxon bildende „Rosa“ herkramten.
Am zweiten, unter dem Leitbild Gesellschaftsutopien stehenden Workshoptag lasen wir, nachdem wir in zwei Gruppen eingeteilt wurden, Zeitungsartikel und diskutierten unter der provokativen Fragestellung ,,Verhindert der Kapitalismus das Gute?’’.
Nach einer Pause begann der zweite Workshop-Teil mit Jan Oberländer, einem Journalisten des Tagesspiegels. Wir sprachen über unsere Impressionen des Theaterstücks „Rosa“ und ob wir vom Schreibtisch aus die Welt verändern könnten. Hierbei fügten sich kleine Gedankensplitter zu einem Ganzen zusammen, einer Idee, die dann in kleinen Gruppen mit Hilfe unserer JPB- Seminarleiter diskutiert wurde.
Wir besprachen unsere ersten Textentwürfe bzw. unsere Visionen am nächsten Tag. Anschließend gab es eine Diskussionsrunde zu dem Thema ,,Welchen Einfluss kann das Feuilleton auf die Gesellschaft haben?’’ mit der Dramaturgin Regine Bruckmann, Christof Meueler, dem Feuilletonchef “Junge Welt”, der Kabarettistin Gisela Öchelhäuser und einem Mitglied der Interbrigadas.
Nach langwierigen Monologen begann die Debatte: Es war vielmals schwierig zu partizipieren, da die Aussagen oft keine Stringenz erkennen ließen und die Grenze zwischen Zurückhaltung und Einmischung fließend war. Das Resultat der Diskussion war uneindeutig mit zahlreichen Denkanstößen, die mich bis in die Bahn hinein verfolgten.
Natürlich könnte jeder etwas verändern, doch in dem System unserer ,,Gesellschaft’’ sind wir nur Rädchen einer unvorstellbar großen Maschinerie. Schmerzhaft bewusst wurde mir dies durch Folgendes: Vor mir saß ein nervöser Mittvierziger, dem seine Mutter diktatorisch seine Aufgaben inmitten einer voll besetzten Bahn entgegen schrie. Könnte er, als Teil der Gesellschaft, mit Hilfe eines Feuilleton-Artikels eigenständig werden? Jedoch viel wichtiger ist die Frage, ob ich ,,meine’’ Gesellschaft wirklich resigniert aufgeben sollte?








